WMR100 – Prost! | Wir. Müssen Reden

Kleine Vorbemerkung: Dieser Post ist nicht ausgewogen, ich habe nicht die gesamte Sendung gehört und kenne entsprechen auch nicht alle Argumente, die ihr nach 1:59:57 noch austauschen werdet. Und es spricht auch ein wenig Wein aus dem was ich schreibe.

Ich würde aus einem kurzen Impuls heraus trotzdem gerne kurz argumentieren, warum ich eure (bis hier gehörten) angebrachten Argumente zu Pegida, den Sorgenbürgern und so weiter Teile. Die Schere zwischen medialem Diskurs und dem was man im normalen Leben mitbekommt ist immens. Ich glaube nicht, dass wir auch nur im gerinsten überfordert sind, demografisch betrachtet ist es sogar ein Glücksfall für Deutschland, egal wie zynisch das auch klingen mag. Entsprechend dämlich sind politische Konzepte wie die Verhinderung des Familiennachzugs – Huhu liebe Union, wir überaltern massiv, die Sozialsysteme sind in wenigen Dekaden ohne massive Einwanderung nicht mehr zu finanzieren, selbstgemachter Fachkräftemangel… Die Argumente sind massiv.

Trotzdem habe ich aktuell aus unterschiedlichen Gründen Angst.

  1. Ich wohne aktuell in Dortmund, hier wohnt eine Keimzelle der Nazistrukturen in diesem Land, sitzt im Stadtrat und hält die Antifa auf Trab. In meiner Nachbarschaft sind 2 “Gemeinschaftsunterkünfte” für “Asylbewerber”, ich kann da nicht vorbeigehen ohne mich nach verdächtigen Nazis umzuschauen. Zum Glück ist mein Stadtteil sozial sehr divers und hat keine Nazis in der Bezirksversammlung.

    1. Wenn die Rechten die Oberhand gewinnen, stehe ich als Homosexueller als einer der Ersten an der Wand.

    2. Europa wird immer massiver politisch verkackt. Es hat sich seit vielen Jahren eingespielt, alle unangenehmen Entscheidungen von der nationalen auf die europäische Ebene zu schieben, was national gefordert wird, wird auf der europäischen Ebene hinter verschlossenen Türen verhindert. Gleichzeitig wachsen um uns herum “eurokritische Strömungen”, über die massiv berichtet wird. Wenn einmal links und eher europafreundlich gewählt wird wird entweder nicht berichtet (Spanien…) oder verteufelt (Griechenland), jede Kritik am Status Quo ist ein Angriff auf die EU, so lange er konstruktiv ist. Das Fatale: Die jungen Menschen, also die zukünftigen Generationen, finden Europa nach allen Umfragen die ich kenne großartig – die Alten sehnen sich nach den Nationalen Souveränitäten zurück.

    3. Der mediale Diskurs ist unfassbar reaktionär und konservativ. Man wagt es kaum, die Leitartikel in der FAZ oder WELT noch aufzublättern. Gefühlt sind alle Leitartikler konservative Männer aus elitären und reaktionären Kontexten, die den Untergang des Abendlandes herschreiben und diese Merkel loswerden wollen, wo sie ein einziges Mal in ihrer politischen Laufbahn Haltung zeigt. Die Nachrichtenangebote der öffentlich-rechtlichen Medien sind kaum noch zu ertragen, der Deutschlandfunk empfindet es als journalistisches Handwerk neutral mit Begriffen wie “Gutmenschen” in Interviews umzugehen. Das mag nicht die Meinung der Bevölkerung widerspiegeln, ist aber im politischen Feld ungemein wirkmächtig.

    4. Ich habe soeben Merkel verteidigt.

    5. Die SPD fällt in der GroKo komplett aus, es ist fast noch schlimmer als unter Schröder. Gabriel redet bisweilen Pegida nach dem Mund, fällt bei jeder Asylrechtsverschärfung stilgetreu nach wenigen Tagen um und erbittet sich die Beinfreiheit, für die ein Steinbrück noch verlacht wurde. Aus der Partei ist kaum Widerspruch zu hören. Gleichzeitig kommt immer häufiger das Gefühl auf, dass die Opposition in der aktuellen GroKo-Stimmenmehrheit so schwach ist, dass jede Hemmschwelle bei der Regierung abfällt. Die CSU spielt schon gleich Opposition in der Regierung. Und dann noch eine Sahra Wagenknecht als Fraktionsspitze der Linken…

Zusammenfassend: Es ist alles ungeheuer komplex, vieles interagiert mit vielem Anderen, es gibt viele Argumente auszutauschen und zu debattieren. Gleichzeitig wird jeder, der eine Differenzierung einfordert, als Gutmensch tituliert, der die Debatte zerfasern oder davon ablenken möchte. Gegen den einseitig gegen Flüchtlinge hetzenden Rassisten wird der Strohmann des Gutbürgers aufgebaut, der jeden Flüchtling als heiligen stilisiert und sich nicht vorstellen kann, dass darunter auch Kriminelle sein könnten – weil Menschen eben bisweilen Arschlöcher sind. (Ich kenne übrigens niemanden, der sowas dämliches sagen würde) Wer andererseits Menschen, die in Diskursen wiederholt durch rassistische Argumentationen auffallen als eben solche betitelt, ist dann sofort selbst Rassist weil er Menschen nur wegen ihrer Meinungsäusserungen in eine politische Kategorie steckt. Wer sie auf Twitter blockiert, weil er den Haufen Scheisse der dort bisweilen breitgetreten wird, redet sich die Welt schön und ist gegen die Meinungsfreiheit, quasi Meinungsfaschist.

Bleibt die Frage, wie das mit dem Diskurs in Zukunft funktionieren soll. Ich finde, Podcasts sind ein wunderbares Medium dazu, denn man kann sich mit diversen Weltsichten konfrontieren. Anne Will und co sind das Gegenteil davon, vielmehr die Zuspitzung der Zuspitzung, angeheizt durch überzugespitzte Sendungstitel, die selbst gerne mal hetzend sind – Natürlich nur ironisch gemeint, um Zuschauer zu ziehen.

Ich verbleibe fassungs- und forderungslos.

http://wir.muessenreden.de/2016/01/30/wmr100-prost/