Die Annonce in Irlands grösster Tageszeitung klang gefasst. «Zu verkaufen: ein kleines Land. Bevölkerung: 4,5 Millionen – ungefähr. Die Zahl wechselt täglich, seit so viele auswandern. Intelligentes Volk, das sich allen kulturellen Veränderungen anpassen wird, die der neue Besitzer verlangt. Wetter: nicht grossartig, aber wenigstens haben wir keine Erdbeben, Tsunami und Hitzewellen. Zudem sorgt der Regen für viel Grün und ein perfektes Bier. Nachteile: Enorme Schulden, verursacht durch frühere Regierungen. Dazu kommen 67 Milliarden Euro Verpflichtungen, die uns eine Handvoll Bauunternehmer hinterlassen haben. Der Betrag steigt unablässig, ebenso die Arbeitslosenziffer. Unser grösstes Problem: nur eineinhalb Millionen Erwerbstätige, um den gigantischen Schuldenberg abzutragen. Wir hoffen natürlich, dass uns ein allfälliger Interessent erlaubt, weiterhin unsere Muttersprache, Englisch, zu sprechen und den Linksverkehr beizubehalten.»
Was die Annonce verschweigt: Sollte der Interessent das Land schon früher bereist haben, erkennt er es kaum wieder. Bereits im Flugzeug wird er über die breiten Ringe um viele Ortschaften rätseln – als hätte ein gigantischer Laster sein Reifenprofil in Wiesen und Weiden gestanzt. Doch das Profil besteht aus lauter Bungalows, immer den gleichen. Mal sind sie bonbonrosa, mal wurstfarben angestrichen, mal liegt der Erker links, mal rechts von der Tür. Hier flankiert ein Gipsadler die Auffahrt, dort ein Löwenhaupt. In diesem abgezirkelten Vorgarten liegt ein grellbuntes Plastik-Kinderauto herum, im nächsten ist es ein Kindertraktor. Jedes fünfte irische Haus wurde in den letzten zehn Jahren gebaut.