Um Ägypten ist es in den letzten Wochen in den deutschen Medien ruhig geworden. Die andauernden Übergriffe von Salafisten auf Kopten und Sufis zeigen aber wie fragil die Lage in Ägypten derzeit ist. Nach der Revolte gegen das „System Mubarak“ ist noch längst nicht entschieden, in welche Richtung sich der politische Prozess entwickeln wird. Gegenwärtig profitiert vor allem die radikalislamische Muslimbruderschaft, die auf eine mehr als 80jährige Organisationsgeschichte zurückblicken kann. In den gegenwärtigen Umfragen ist die Muslimbruderschaft mit bis zu 30% Zustimmung stärkste politische Kraft und verfolgt nun selbstbewusst ihr eigenes Projekt. Eine durchaus positive Folge hiervon ist der Bruch des langjährigen Bündnisses zwischen ihr und anderen Gruppen der Oppositionsbewegung. Erstmals steht die Muslimbruderschaft nun vor dem Problem, Antworten auf gesellschaftliche Fragen der Gegenwart finden zu müssen. Während Abspaltungen diese Herausforderung annehmen, setzt die Führung auf altbewährte Erklärungsmuster: Der Oberste Führer Muhammad Badi’e deutet die ägyptische Revolte nicht als menschengemacht sondern als Strafe Gottes für die Verfolgung der Gruppe unter Husni Mubarak und knüpft damit an ein gängigesErklärungsmodell für die Niederlage im Sechs-Tage-Krieg 1967 gegen Israel an. Auch die Mobilisierung des antisemitischen Tickets ist anlässlich außenpolitischer und ökonomischer Fragen (nicht nur) bei ihr zu beobachten. Die Muslimbruderschaft bereitet sich nun auf die Parlamentswahlen im September vor und sie hat Grund zum Optimismus. Doch wie genau ist die Organisation eigentlich entstanden und wie ist sie strukturiert? Wie genau sind ihre Chancen einzuschätzen? Und wie wird sich ihr Verhältnis zur Demokratiebewegung und zu den salafistischen Gruppen entwickeln? Der Vortrag soll auf diese Fragen erste, vorsichtige Antworten geben und eine Einschätzung der Lage im Land am Nil nach dem Sturz Mubaraks liefern.
